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1870 - 1871

Vorgeschichte

1814 war Napoleon I. geschlagen und die Sieger verhandelten in Paris. Umsonst forderte der preußische General Blücher außer den gestohlenen Kunstwerken auch die Herausgabe des Elsass. Durch die milden Bedingungen im Frieden von Paris (1814) behielt Frankreich die eroberten ehemals deutschen Gebiete im Elsass (Artikel 33). Die Sieger verzichteten, des Friedens Willen, auf jegliche Gebietsabtretung und gestanden Frankreich sogar die Grenzen von 1792 zu. Die Besiegten mussten 700 Millionen Franken Kriegsentschädigung zahlen. Bis zur Abtragung der Schuld wurde Wellington mit einer Besatzungsarmee in Nordfrankreich belassen.

1840 erlitt Frankreich im Orient eine schwere diplomatische Niederlage und versuchte durch eine außenpolitische Offensive diese wieder wettzumachen. Frankreich rüstete auf, kündigte die Verträge von 1815 und der damalige französische Regierungschef Thiers ließ Napoleons Asche von St. Helena nach Paris bringen und dort pompös im Pantheon beisetzen. In verschiedenen Reden beanspruchte er den Rhein als französische Ostgrenze. Damit verursachte damit einen Sturm der Entrüstung in allen deutschen Ländern. In zahlreichen Liedern wurde der "freie deutsche Rhein" als Sinnbild des deutschen Nationalgefühles leidenschaftlich besungen. Es war die Zeit als unter anderem die patriotischen Lieder "Die Wacht am Rhein" und Nikolaus Beckers "Rheinlied" (Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein) entstanden. Louis Napoleon, ein Neffe Napoleon I., benutzte die Napoleonbegeisterung in Frankreich, historisch kostümiert und sogar mit einem über ihm schwebenden dressierten Adler von Großbritannien aus in Boulogne zu erscheinen. Aber die Nationalgarde vertrieb ihn und als er beim Übersetzen nach dem rettenden englischen Schiff ins Wasser fiel, zog man ihn heraus und steckte ihn zu "lebenslanger" Haft ins Schloss Ham. 1846 floh Louis Napoleon als Maurer verkleidet aus Ham nach Großbritannien.

Barrikaden in Berlin 1848
Barrikaden in Berlin 1848 

1848 brodelte es in Europa. In Berlin wurden Barrikaden gebaut, 230 Zivilisten und 20 Soldaten starben. Am 18. Mai fand die feierliche Eröffnung der Frankfurter Nationalversammlung statt. Es war mehr eine Gelehrtenrepublik als ein Parlament. Man pries in viel schönen Reden, viel zu schönen Reden, hinter denen keine Realität stand, die deutsche Einheit. Die Folge war ein entschiedener Sieg der Reaktion.

Auch Frankreich wollte sich eine neue Verfassung geben. Nur welche? Zunächst sollte ein Präsident an der Spitze stehen, durch Plebiszit wählbar. Neben ihm sollte eine Kammer von 750 Abgeordneten amtieren. An Kandidaten fehlte es nicht von den Legitimisten bis zur Bürgerpartei. Ihr Mann war Louis Napoleon. "Napoleon ist unbekannt ... wählen wir das Unbekannte" schrieb Emile de Girardin. Er erhielt 5,5 Millionen Stimmen. Louis Napoleon versprach am 10. Dezember 1848 "Ordnung im Inneren, Friede nach außen". Nach drei Jahren glaubte er, fest im Sattel zu sitzen. Er hatte durch Vergabe von Staatsämtern an seine Getreuen und eine gewisse Fürsorge gegenüber Bürger und Soldaten für seine Beliebtheit gesorgt. Trotzdem lehnte man die Wiederwahl Louis Napoleon als Präsident ab. Er verlangte Wiederzulassung des Plebiszits für die Präsidentenwahl. Es wurde abgelehnt. Da gab er am 1. Dezember 1851 ein Ballfest. Nach dem Fest ließ er 60 seiner Gegner, darunter Cavaignac, Dubinot, Thiers und Viktor Hugo, festnehmen, das Palais Bourbon, wo die Kammer tagte, militärisch besetzen, die Versammlung auflösen und nun doch das Plebiszit ausschreiben. Eine Unmenge Gegner (ca. 26 600) wurden vorher in "Schutzhaft" genommen. Ein Straßenkampf brach aus, weil 200 Mitglieder der Legislative den Staatsstreich verurteilten und gefangen genommen waren, und forderte eine Menge Opfer. Louis Napoleon ließ sich am 20./21. Dezember 1851 von 7,5 Millionen Stimmen zum Konsul auf 20 Jahre wählen. Doch schon am 7. November 1852 beschloss der Senat Louis Napoleon Ernennung zum erblichen Kaiser der Franzosen. Das Plebiszit ergab nun ein Verhältnis von 7,75 Millionen Stimmen für und 250 000 Stimmen gegen die Wahl. Mit den Worten "I'Empire c'est la paix" trat Napoleon III. vor die Fürsten Europas. Die Fürsten erkannten ihn ausnahmslos an, nur Zar Nikolaus antwortete ihm mit "Sire". Napoleon vergaß es ihm nicht. 1854 erklärten die Westmächte Großbritannien und Frankreich an Russland den Krieg, da dieses ihren Aufforderungen zur Räumung der Donaufürstentümer nicht nachgekommen war. Die Russen wurden in der blutigen Schlacht an der Alma besiegt, ebenso bei Balaklawa und Inkerman. Darauf begann die Belagerung Sebastopols, die den ganzen Krimkrieg bildete. Napoleon III. war der Triumphator des Krimkrieges. Seine Generäle Niel und Mac-Mahon schlugen 1855 die Russen endgültig. Nun nahm Napoleon III. die Kolonialpolitik energisch auf und geriet dabei in Konflikte mit Großbritannien. Trotz Großbritannien Ärger okkupierte er 1853 Neukaledonien als Verbrecherkolonie. In Nordafrika wurde die Besitzung in Algier (Algerien) bis zur Sahara ausgedehnt. Senegambien (Senegal und Gambia) wurde erweitert. 1858 gelang es ihm, für die Christenverfolgung das Königreich Annam (Vietnam) in Südostasien zu bestrafen und sich Cochinchina (südlicher Teil von Südvietnam) abtreten zu lassen. 1860 eroberten seine Truppen im Chinakrieg mit den Ausländern Peking und sein General erhielt den Titel Graf Palicao und 1864 gliederte er Cochinchina das Königreich Kambodscha an und erwies sich so als ein ernst zu nehmender Konkurrent Großbritannien. Deren Argwohn verstärkte sich beträchtlich, als mit französisch-ägyptischem Kapital der 1869 vollendete Suezkanal gebaut wurde. 

Napoleon III. König Wilhelm
Napoleon III., Kaiser der Franzosen König Wilhelm von Preußen

Aber langsam begann der Stern Napoleon III. zu sinken. Er strebte fieberhaft danach, außenpolitische Erfolge zu erringen, um sein angeschlagenes Regime wieder stabilisieren zu können. So stachelte er sowohl Preußen als Österreich zum Krieg an. Ein Krieg zwischen Preußen und Osterreich, so rechnete er, werde ihm, eine günstige Gelegenheit verschaffen, auf dem linken Ufer des Rheins große deutsche Gebiete an sich zu reißen. Der französische Kaiser ließ geheime Verhandlungen mit den Regierungen der beiden deutschen Großmächte führen und beide traten dabei die nationalen Interessen des deutschen Volkes mit Füßen. Bismarck deutete mehrfach an, dass er unter bestimmten Umständen französische Annexionen billigen werde. Wohlgesonnene Zeitgenossen sahen darin einen diplomatischen Schachzug Bismarcks, der so Frankreichs stillhalten erkaufte. So sagte er am 2. Juni zu dem italienischen General Govone: "Ich bin für meine Person viel weniger Deutscher als Preuße und würde ohne Schwierigkeit der Abtretung des ganzen Gebietes zwischen Rhein und Mosel an Frankreich zustimmen. Pfalz, Oldenburg, ein Teil der preußischen Rheinprovinz." Bismarck hütete sich jedoch wohlweislich, sich offiziell festzulegen. Die österreichische Regierung hingegen ging einen Schritt weiter und schloss am 12. Juni ein geheimes Abkommen mit Frankreich ab. Schwerwiegender als der Vertragstext selbst war eine mündliche Erklärung, die während der Verhandlungen von der österreichischen Seite abgegeben wurde. Nach dieser sollte nach einem Sieg der Österreicher über Preußen aus den beiden preußischen Westprovinzen (Rheinprovinz und Westfalen) ein formell unabhängiger Staat gebildet werden; eine diplomatische Umschreibung dafür, dass Wien für die Bildung eines Separatistenstaates von Gnaden des französischen Kaisers grünes Licht gab.

Aber die Donaumonarchie und mit ihr das Königreich Sachsen, das Königreich Bayern, das Königreich Württemberg, das Königreich Hannover, das Großherzogtum Hessen-Darmstadt, das Großherzogtum Baden, das Herzogtum Sachsen-Meiningen, das Herzogtum Nassau, das Kurfürstentum Hessen-Kassel, das Fürstentum Reuß ältere Linie und die Freie und Reichsstadt Frankfurt verloren den Krieg und überließen damit die Vorherrschaft in Deutschland Preußen. Der Deutsche Bund wurde aufgelöst, und das Habsburgerreich schied damit völlig aus dem deutschen Staatsverband aus. Die drei Herrscher, der König von Hannover, der Kurfürsten von Hessen-Kassel und der Herzog von Nassau wurden von ihren Thronen verjagt und ihre Länder dem preußischen Staat einverleibt. Wenn Bismarck gegenüber Osterreich und auch gegenüber den süddeutschen Staaten Milde walten ließ, dann war das nicht zuletzt aus seiner Besorgnis vor einem Eingreifen des bonapartistischen Frankreich zu erklären, das er um die versprochenen linksrheinischen Gebiete "geprellt" hatte. Frankreich war vor dem Krieg allgemein als die politisch und militärisch führende Macht Europas angesehen worden und sah sich nun infolge der preußischen Siege auf den zweiten Platz verwiesen. Seine herrschenden Kreise waren aber nicht gewillt, das hinzunehmen. Ihre Parole lautete: "Rache für Sadowa!" (die Franzosen, für die das Wort "Königgrätz" ein Zungenbrecher ist, benannten die Entscheidungsschlacht vom 3. Juli 1866 nach dem Dorf Sadowa). Zunächst versuchte Louis Napoleon, das Großherzogtum Luxemburg zu kaufen. Das gelang ihm nicht, da Bismarck es verhinderte. Ebenso wenig glückte ihm sein Abenteuer in Mexiko. Mit dem bewussten Zweck, den französischen Einfluss in Amerika zu stärken, hatte Louis Napoleon eine Eroberung Mexikos begonnen. Seinen französischen Truppen hatte er, Ironie des Schicksals, einen deutschen Fürsten, den Habsburger Maximilian, als Monarch mitgegeben. Maximilian hatte zuerst Erfolg und wurde zum Kaiser von Mexiko ausgerufen. Da sich aber die Vereinigten Staaten einmischten, die nach Beendigung des langwierigen Bürgerkrieges die Hände frei hatten, und da, von Washington aus ermutigt, General Juarez mit einheimischen Streitkräften die Lage beherrschte, sah sich Maximilian sehr bald auf die Stadt Mexiko und Umgebung beschränkt. Im Jahre 1868 nahte die Katastrophe. Der Kaiser von Napoleons Gnaden wurde gefangen genommen und erschossen.

Napoleon III. und Bismarck "Ein Missverständnis"

Ein Missverständnis (zeitgenössische Karikatur)

Napoleon III.: "Ich wollte Ihnen zu der schönen Erbschaft gratulieren und sehen, ob nicht eine Kleinigkeit für mich..."

Bismarck (der sich grade Hannover, Hessen und Frankfurt/M einpackt) : "Ach was! Hier wird nichts abgegeben!"

 

In Frankreich empfand man die Entscheidung des Deutschen Kriegs von 1866 zugunsten Preußens als eine Niederlage, weite Kreise in der französischen Gesellschaft verlangten eine "Revanche für Sadowa" (franz. Bezeichnung für die Schlacht bei Königgrätz) und beschuldigten Kaiser Napoleon III., der nicht einmal Luxemburg als Kompensation zu gewinnen wusste, des Verrates an Frankreichs Macht und Ehre.

"Revanche für Sadowa" - der Krieg bis Sedan

Frankreich war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, unter einer erfolgreichen Politik Napoleon III., zur politisch und militärisch führenden Macht Europas aufgestiegen. Aber in maßloser  Selbstüberschätzung beging Napoleon III. einen entscheidenden Fehler, indem er es versäumte, Bündnissysteme mit wichtigen Staaten zu schaffen. Er überwarf sich sogar mit allen anderen europäischen Mächten, konkurrierte mit Großbritannien um Kolonien, führte Krieg gegen Russland, bekämpfte Preußens Ziele im Deutschen Bund und unterstützte lieber die Italiener im Krieg gegen Österreich. Napoleon III. betrieb eine kurzsichtige, auf schnelle Erfolge erheischende Außenpolitik, die sich im Jahr 1870 bitter rächen sollte.

Erstürmung des Parktores zum Geisberg-Schlösschen  bei Weißenburg, 4. August 1870   Die Bayern bei Weißenburg, 4. August 1870

Erstürmung des Parktores zum Geisberg-Schlösschen  bei Weißenburg, 4. August 1870

Die Bayern bei Weißenburg, 4. August 1870

In Frankreich empfand man die Entscheidung des Deutschen Kriegs von 1866 zugunsten Preußens als eine Niederlage, weite Kreise in der französischen Gesellschaft verlangten eine "Revanche für Sadowa" (franz. Bezeichnung für die Schlacht bei Königgrätz) und beschuldigten Kaiser Napoleon III., der nicht einmal Luxemburg als Kompensation zu gewinnen wusste, des Verrates an Frankreichs Macht und Ehre. Die französische Regierung sah sich unter diesen Umständen zur Behauptung ihrer Popularität und Macht zu einem Krieg gegen Preußen gedrängt. Niel hatte die französische Armee organisiert, man hielt sich für ausreichend gerüstet und so suchte man nach einem Anlass für einen Krieg. Dieser fand sich in der spanischen Thronfolgefrage. Auf die Nachricht, dass die spanische Krone dem Erbprinzen Leopold von Hohenzollern angeboten und von ihm angenommen worden sei, erklärten der französische Außenminister, Gramont, auf eine Anfrage der gesetzgebenden Versammlung am 6. Juli 1870, Frankreich werde nicht dulden, dass eine fremde Macht, indem sie einen ihrer Prinzen auf den Thron Karls V. setzte, das europäische Gleichgewicht zu ihren Gunsten störe. Volksvertretung und Presse begrüßten diese Erklärung, die ohne weiteres als Kriegsdrohung gegen Preußen aufgefasst wurde, mit stürmischem Beifall und die französische Regierung verlangte am 9. Juli 1870 durch ihren Botschafter Benedetti von König Wilhelm in Ems, er möge den Erbprinzen von Hohenzollern zum Verzicht auf die spanische Krone zwingen. Da der Prinz am 12. Juli von selbst der angebotenen Krone entsage, schien der Fall erledigt zu sein. Doch nun setzten die Franzosen nach und Gramont verlangte vom preußischen Botschafter in Paris, von Werther, er solle den König zur Absendung eines an Napoleon III. gerichtetes Entschuldigungsschreiben bewegen und Benedetti erhielt den Auftrag, dem König die Versicherung abzunötigen, dass er in Zukunft niemals eine neue Thronkandidatur des Erbprinzen zulassen werde. Diese Zumutung wies der König entschieden zurück und verweigerte dem Botschafter eine weitere Audienz zu diesem Fall. Darin und besonders in der Mitteilung ("Emser Depesche"), die Bismarck darüber den Gesandtschaften des Norddeutschen Bundes machte, sah die französische Regierung  eine Beleidigung ihres Botschafters und begründete damit am 15. Juli 1870 das Verlangen an die gesetzgebende Versammlung, die für den Krieg erforderlichen Beschlüsse (ein Kredit von 66 Millionen Franc, Einberufung der Mobilgarde und Anwerbung von Freiwilligen) sofort zu fassen. Nur wenige Deputierte warnten vor den Folgen eines Kriegs und so wurde am 19. Juli 1870 Preußen der  Krieg erklärt. Im Vertrauen auf die neuen Waffen, wie das Chassepotgewehr und die Mitrailleuse, sowie auf Unterstützung Dänemarks, Italiens und Österreichs, die Erhebung der von Preußen 1866 annektierten Provinzen, die Neutralität oder gar Allianz Süddeutschlands, hoffte Frankreich auf einen schnellen Sieg.

Erstürmung des Landauer Tores zu Weißenburg, 4. August 1870   Kronprinz Friedrich Wilhelm an der Leiche des Generals Douay, 4. August 1870

Erstürmung des Landauer Tores zu Weißenburg, 4. August 1870

Kronprinz Friedrich Wilhelm an der Leiche des Generals Douay, 4. August 1870

In Preußen kehrte König Wilhelm am 15. Juli 1870 nach Berlin zurück und erließ die Mobilmachungsorder. In den süddeutschen Ländern erkannte man den Bündnisfall an und auch die anfangs abgeneigten Kammern von Bayern und Württemberg bewilligten die erforderlichen Gelder. Der Reichstag des Norddeutschen Bundes beantwortete am 19. Juli 1870 die Thronrede des Königs mit Zustimmung und genehmigte die Kriegsanleihe einstimmig. Bismarck veröffentlichte in diesem entscheidenden Augenblick am 25. Juli 1870 in der britischen "Times" den Entwurf eines Bündnisses, das Frankreich Preußen seit 1867 wiederholt angetragen, dieses aber abgelehnt hatte. In diesem Vertragsentwurf sollte Frankreich Luxemburg und Belgien, Preußen die Herrschaft über ganz Deutschland erhalten. Die öffentliche Meinung Europas war damit gegen Napoleon III. gewonnen, er war danach auch moralisch der Angreifer auf den Frieden Europas.

In Italien und Österreich waren allerdings zunächst maßgebende Persönlichkeiten zur Unterstützung Frankreichs geneigt, aber beide Staaten waren zu einem neuen Krieg nicht in der Lage und Österreich musste noch auf Russland Rücksicht nehmen. Frankreich und Deutschland standen sich allein gegenüber.

Auf deutscher Seite war die Mobilmachung in einer Woche vollendet. Drei Armeen unter dem Oberbefehl des Königs von Preußen, die Moltke als Chef des Generalstabes in Wirklichkeit führte, sollten am Mittelrhein auf der Operationsbasis Koblenz - Mainz - Mannheim aufgestellt werden.

  • Die erste Armee, das 7. und 8. Armeekorps, einschließlich der 1. und 3. Kavalleriedivision (60 000 Mann mit 180 Geschützen), unter dem Befehl des Generals von Steinmetz, bildete den rechten Flügel bei Koblenz.
  • Die zweite Armee, die Garde, das 3., 4., 9., 10. und 12. Armeekorps und die 5. und 6. Kavalleriedivision (194 000 Mann mit 534 Geschützen), unter dem Befehl des Prinzen Friedrich Karl von Preußen.
  • Der linke Flügel bei Mannheim war die dritte Armee, das 5. und 11. norddeutsche Korps, die Bayern, Württemberger und Badener (130 000 Mann mit 480 Geschützen unter dem Kronprinzen Friedrich von Preußen.

Im Ganzen standen also in erster Linie 384 000 Mann mit 1194 Geschützen.

Drei preußische Armeekorps (1., 2. und 6.) blieben als Reserve im Osten. Den Küstenschutz übernahmen unter Vogel von Falckenstein.

Die Württemberger bei Wörth, 6. August 1870   Gefangene Turkos bei Wörth, 6. August 1870

Die Württemberger bei Wörth, 6. August 1870

Gefangene Turkos bei Wörth, 6. August 1870

Die Franzosen zogen eine "Rheinarmee" zusammen, doch durchaus nicht so schnell, wie man erwartet hatte, weil die Einziehung der Reserven höchst umständlich uns zeitraubend und alles Material, Proviant, Munition, Wagen, Kleidung usw. in Paris konzentriert war und von dort bezogen werden musste. Die Zahl der verfügbaren Mannschaften entsprach nicht den Angaben auf dem Papier: Die französische Rheinarmee zählte Anfang August nur 250 000 Mann, die nicht einmal alle völlig ausgerüstet waren. Die Armee, deren Oberbefehl Kaiser Napoleon III. selbst übernahm mit dem bisherigen Kriegsminister Leboeuf als Generalstabschef, war überdies an der deutschen Grenze verzettelt. Das 7. Korps unter Douay stand bei Belfort, das 1. unter Mac Mahon bei Straßburg, das 5. unter Failly bei Bitsch, das 2. unter Frossard bei Saarbrücken, das 3. unter Bazaine bei Metz, das 4. unter Ladmirault bei Diedenhofen, das 6. unter Canrobert bei Châlons und die Garde unter Bourbaki bei Nancy. Während die deutsche Armee am 30. Juli 1870 gegen die französische Grenze vorrückte, musste die französische Armee vorläufig verharren. Nur das 2. französische Korps führte am 2. August 1870 in Gegenwart des Kaisers und es kaiserlichen Prinzen einen Angriff auf Saarbrücken aus. Da die Stadt nur von ungefähr 1000 Preußen verteidigt wurde, konnte sie von den Franzosen für kurze Zeit besetzt werden. Die Deutschen hatten inzwischen das 1., 2. und 6. Korps herangezogen und sich so um 100 000 verstärkt. Nun konnten sie in die Offensive gehen, die erste Armee marschierte die Saar aufwärts, die zweite Armee durch die Rheinpfalz und die dritte Armee nach der Lauter.

Erstürmung des Roten Berges von Spichern, 6. August 1870   Ankunft König Wilhelms in der damaligen Grenzstadt Saarbrücken, 10. August 1870

Erstürmung des Roten Berges von Spichern, 6. August 1870

Ankunft König Wilhelms in der damaligen Grenzstadt Saarbrücken, 10. August 1870

Die dritte Armee unter dem Kronprinzen stieß zuerst bei Weißenburg auf Widerstand, wohin Mac Mahon eine Division unter Douay vorgeschoben hatte. Am 4. August wurde Weißenburg (Schlacht bei Weißenburg) und der dahinter liegende Geisberg wurden von den Deutschen nach heftigen, erbitterten Kämpfen erstürmt. Am 6. August siegte wiederum die dritte Armee bei Wörth (Schlacht bei Wörth), diesmal über Mac Mahon selbst. Am selben Tag wurde von Truppen der ersten und zweiten Armee nach heldenmütiger Erstürmung der Spicherer Höhen das Korps Frossard geschlagen, worauf sich die französische Rheinarmee bei Metz zusammenzog. Der deutsche Plan, die Franzosen durch Umfassung der rechten Flanke auf dem rechten Moselufer zur Entscheidungsschlacht zu zwingen, wurde so vereitelt. Auch die dritte Armee verlor die Fühlung mit den besiegten französischen Truppen und so konnten sich Mac Mahon, Failly und Douay mithilfe der Eisenbahn unbehelligt ins Lager von Châlons zurückziehen.

Die 53er bei Colombey-Nouilly, 14. August 1870   Die Kürassiere bei Vionville, 16. August 1870

Die 53er bei Colombey-Nouilly, 14. August 1870

Die Kürassiere bei Vionville, 16. August 1870

Dennoch waren diese ersten Siege der Deutschen von größter Bedeutung. Sie erfüllten die deutschen Armeen und das deutsche Volk mit freudiger Siegeszuversicht, schreckten Italien und Österreich von jeder Einmischung ab und riefen in Frankreich große Bestürzung hervor. In Frankreich wurde das Ministerium Ollivier-Gramont gestützt, die Regentin, Kaiserin Eugenie, rief General Palikao an die Spitze der Regierung. Kaiser Napoleon III. übergab am 12. August 1870 den Oberbefehl der Rheinarmee an Bazaine, der Plan einer Landung in Norddeutschland wurde aufgegeben, die Aushebung aller waffenfähigen Mannschaften beschlossen und alle Deutschen aus Frankreich vertrieben. Bazaine hatte die Absicht, die Rheinarmee von Metz nach Châlons zu führen, wurde aber am 14. August 1870 durch den Angriff der ersten deutschen Armee auf seine noch rechts der Mosel stehenden Korps daran gehindert (Schlacht bei Colombey-Nouilly). Als er am 16. August 1870 den Abmarsch antreten wollte, stellten sich ihm auf der Straße nach Verdun, westlich von Metz, das 3. und 10. preußische Korps, die oberhalb Metz die Mosel überschritten hatten, entgegen und zwangen ihn durch die blutige Schlacht von Vionville-Mars-la-Tour zum Rückzug auf Metz. In der Stellung, die Bazaine auf den Höhen westlich von Metz mit 140 000 Mann einnahm, wurde er am 18. August von der ersten und zweiten deutschen Armee unter dem Befehl des Königs angegriffen (Schlacht bei Gravelotte). Bei St.-Privat warfen die Deutschen den rechten Flügel der Franzosen zurück und Bazaine zog sich in der Nacht hinter die Forts zurück. Das Ergebnis wurde allerdings mit dem damaligen ungeheuren Verlust von 1832 Offizieren und 39 000 Mann erkauft und wurden die "Schlachttage von Metz" genannt (14., 16. und 18. August). Nun war aber der Abmarsch der französischen Rheinarmee nach Châlons verhindert und sie in Metz eingeschlossen.

Vernichtung des französischen Kürassierregiments "Eugenie" durch preußische Infanterie in der Schlacht bei Vionville, 16. August 1870   Die Schlacht bei Gravelotte, 18. August 1870

Vernichtung des französischen Kürassierregiments "Eugenie" durch preußische Infanterie in der Schlacht bei Vionville, 16. August 1870

Die Schlacht bei Gravelotte, 18. August 1870

Zur Einkreisung von Metz blieben unter der Führung von Prinz Friedrich Karl die erste und zweite Armee zurück und wurden durch die Landwehrdivision Kummer und die 17. Division verstärkt, während die Garde, das 4. und 12. Armeekorps von der zweiten Armee ausgegliedert wurden und mit der 5. und 6. Kavalleriedivision als vierte Armee (Maasarmee) dem Oberbefehl des Kronprinzen Albert von Sachsen unterstellt wurden.

Kronprinz Albert von Sachsen bei Gravelotte, 18. August 1870   Das 2. Grenadier-Regiment zu Fuß in der Schlacht bei St.-Privat, 18. August 1870

Kronprinz Albert von Sachsen bei Gravelotte, 18. August 1870

Das 2. Grenadier-Regiment zu Fuß in der Schlacht bei St.-Privat, 18. August 1870

Diese Armee sollte mit der Dritten, die mittlerweile über Nancy die Mosellinie erreicht hatte, unter dem Befehl des Königs ins Innere Frankreichs vorrücken. So hoffte man in Châlons, oder vor Paris den Feind zu treffen. Indes fand bereits die den Vormarsch deckende Reiterei, die dem Gros um mehrere Tage voraus war, das Lager von Châlons von den Franzosen geräumt vor. Diese waren bereits nach Norden abgezogen. Zuvor hatten die Franzosen das 1., 5., 7. und 12. französische Korps, rund 130 000 Mann, zusammengezogen und reorganisiert. Auch war Kaiser Napoleon III. nach Metz gekommen und hatte seinem erfahrenen General Mac Mahon den Oberbefehl übertragen. Dieser erhielt nun aus Paris, von Palikao, den Befehl, auf Diedenhofen zu marschieren und sich dort gleichzeitig mit Bazaine, der aus Metz ausbrechen sollte, zu vereinigen. So sollten die Deutschen zum Rückzug gezwungen werden, oder ihnen wenigstens in den Rücken fallen können. Das ganze Unternehmen war ein sehr gewagter, wenn nicht sogar verzweifelter Plan, aber er schien der Kaiserin und dem Ministerium zur Erhaltung der Dynastie auf dem Thron notwendig. Mac Mahon gehorchte dem Befehl, obwohl er ihn nicht billigte; auch der Kaiser erhob keinen Einspruch. Am 21. August brach die französische Armee auf, jedoch wurde der kühne Marsch über Reims, Rethel und Montmedy nach Diedenhofen nicht mit der erforderlichen Schnelligkeit ausgeführt. Inzwischen hatte die dritte deutsche Armee einen großen Rechtsschwenk ausgeführt und ihren Marsch nach Norden gerichtet und bereits am 27. August erreichte die deutsche Kavallerie die Franzosen bei Buzancy. Der deutsche Generalsstab befahl nun, dass die deutsche Maasarmee und zwei von Metz herangezogene Korps den Franzosen den Weg nach Metz verlegen sollten. Die dritte Armee erhielt den Befehl, die Franzosen im Westen zu umfassen und in Richtung belgische Grenze abzudrängen. Die deutsche Armee führte den Befehl pünktlich und sicher aus. Am 30. August 1870 wurde das 5. französische Korps bei Beaumont eingeholt und zersprengt und Mac Mahon bei Sedan am 1. September zur Schlacht gezwungen. Die Franzosen wurden hier völlig umzingelt und mussten am 2. September 1870 kapitulieren. Außer den 21 000 während der Schlacht gefangen Genommenen, gerieten 83 000 Franzosen, darunter 2 866 Offiziere in deutsche Kriegsgefangenschaft. Nur das Mac Mahon von Paris nachgeschickte 13. Korps entkam und kehrte nach Paris zurück.

Sturm der Bayern auf Bazeilles (Sedan), 1. September 1870   Die Hessen verhindern den Durchbruch der "Afrikanischen Jäger" bei Floing (Sedan), 1. September 1870

Sturm der Bayern auf Bazeilles (Sedan), 1. September 1870

Die Hessen verhindern den Durchbruch der "Afrikanischen Jäger" bei Floing (Sedan), 1. September 1870

Bazaine Versuch vom 31. August, die deutschen Belagerungslinien vor Metz auf dem rechten Moselufer zu durchbrechen, wurden in der zweitägigen Schlacht bei Noisseville zurückgeworfen. Das französische Heer, teils in Metz eingeschlossen, teils kriegsgefangen, war zu keinen weiteren Operationen fähig; mit seiner Erledigung brach auch das französische Kaiserreich selbst zusammen. Auf die Kunde von der "Schmach von Sedan" trieben die Pariser die gesetzgebende Versammlung am 4. September 1870 auseinander und betrauten die Deputierten der Stadt mit der "provisorischen Regierung der Nationalverteidigung". Der Gouverneur von Paris General Trochu, führte den Vorsitz. Die französische Kaiserin Eugenie flüchtete nach Großbritannien, wohin ihr der kaiserliche Prinz folgte. Napoleon III., schon seit 1. September Kriegsgefangener, erhielt Schloss Wilhelmshöhe bei Kassel als Aufenthaltsort angewiesen. In Deutschland und auch im Ausland sah man im Ende des französischen Kaiserreichs auch das Ende des Krieges.

Moltke vor Sedan, 1. September 1870   Napoleon III. und Bismarck vor dem Weberhäuschen in Donchery, 2. September 1870

Moltke vor Sedan, 1. September 1870

Napoleon III. und Bismarck vor dem Weberhäuschen in Donchery, 2. September 1870

 

"Revanche für Sadowa" - der Krieg bis Paris

Kaiser Napoleon III. wird durch Bismarck zum König geleitet, 2. Dezember 1870   Prinz Friedrich Karl vor Metz, 27. Oktober 1870

Kaiser Napoleon III. wird durch Bismarck zum König geleitet, 2. Dezember 1870

Prinz Friedrich Karl vor Metz, 27. Oktober 1870

In Deutschland und auch im Ausland sah man im Ende des französischen Kaiserreichs auch das Ende des Krieges. Und die Franzosen meinten, da der Urheber des Krieges mit Napoleon III. beseitigt sei, würden die Deutschen befriedigt in ihre Heimat zurückkehren. Sie rechneten hierbei auf die Unterstützung der Mächte, die Adolphe Thiers auf seiner Rundreise an den Höfen, freilich vergebens, anrief. In Verkennung der Situation verkündete der neue Außenminister, Jules Favre, am 6. September 1870 in der Aufforderung zum Frieden, Frankreich würde keinen Zoll seines Gebietes, keinen Stein seiner Festungen abtreten. Bismarck erklärte am 16. September 1870, dass Deutschland die Abtretung von Elsass und Lothringen mit Straßburg und Metz als Bürgschaft gegen neue Angriffsgelüste verlange. Auch lehnte er die Bewilligung eines Waffenstillstandes, den Favre in einer persönlichen Zusammenkunft erbat, ohne genügende Garantien ab. Die neue französische Regierung proklamierte nun die allgemeine Volksbewaffnung und der Krieg nahm seinen Fortgang.

 

In einem Brief an seinen Botschafter in London begründet Otto von Bismarck die deutschen Aneignungsabsichten von Elsass-Lothringen im August 1870:

"Wir stehen heute im Felde gegen den 12. oder 15. Überfall und Eroberungskrieg, den Frankreich seit 200 Jahren gegen Deutschland ausführt. 1814 und 1815 suchte man Bürgschaften gegen Wiederholung dieser Friedensstörungen in der schonenden Behandlung Frankreichs. Die Gefahr liegt aber in der unheilbaren Herrschsucht und Anmaßung, welche dem französischen Volkscharakter eigen ist und sich von jedem Herrscher des Landes zum Angriff auf friedliche Nachbarstaaten missbrauchen lässt. Gegen dieses Übel liegt unser Schutz nicht in dem unfruchtbaren Versuche, die Empfindlichkeit der Franzosen momentan abzuschwächen, sondern in der Gewinnung gut befestigter Grenzen für uns.
Wir müssen dem Druck ein Ende machen, den Frankreich seit zwei Jahrhunderten auf das ihm schutzlos preisgegebene Süddeutschland ausübt, und der ein wesentlicher Hebel für die Zerstörung der deutschen Verhältnisse geworden ist. Frankreich hat sich durch die konsequent fortgesetzte Aneignung deutschen Landes und aller natürlichen Schutzwehren desselben in den Stand gesetzt, zu jeder Zeit mit einer verhältnismäßig kleinen Armee in das Herz von Süddeutschland vorzudringen, ehe eine bereite Hilfe da sein kann. Seit Ludwig XIV., unter ihm, unter der Republik, unter dem ersten Kaiserreich haben sich diese Einfälle immer und immer wiederholt; und das Gefühl der Unsicherheit, welches sie zurückgelassen, und die Furcht vor einer Wiederholung dieses Schrecknisses zwingt die süddeutschen Staaten, den Blick stets auf Frankreich gerichtet zu halten. Wir können nicht immer auf eine außerordentliche Erhebung des Volkes rechnen und der Nation nicht ansinnen, stets das Opfer so starker Rüstung zu tragen. Wenn die Entwaffnungstheorie in England ehrliche Anhänger hat, so müssen dieselben wünschen, dass die nächsten Nachbarn Frankreichs gegen diesen alleinigen Friedensstörer Europas mehr als bisher gesichert werden. Dass in den Franzosen dadurch eine Bitterkeit geweckt werde, kann dagegen nicht in Betracht kommen. Diese Bitterkeit wird ganz in demselben Maße stattfinden, wenn sie ohne Landabtretung aus dem Kriege herauskommen. Wir haben Österreich, wesentlich aus jener Rücksicht, keine Gebietsabtretungen angesonnen, haben wir irgendeinen Dank davon gehabt? Schon unser Sieg bei Sadowa hat Bitterkeit in den Franzosen geweckt; wie viel mehr wird es unser Sieg über sie selbst tun! Rache für Metz, für Wörth wird auch ohne Landabtretung länger das Kriegsgeschrei bleiben als Revanche für Sadowa und Waterloo! Die einzig richtige Politik ist unter solchen Umständen, einen Feind, den man nicht zum aufrichtigen Freunde gewinnen kann, wenigstens etwas unschädlicher zu machen und uns mehr gegen ihn zu sichern, wozu nicht die Schleifung seiner uns bedrohenden Festungen, sondern nur die Abtretung einiger derselben genügt."

 

Kampf zwischen dem deutschen Kanonenboot "Meteor" und dem französischen Aviso "Bouvet" vor Havanna, 9. November 1870   Blockadeabwehr deutscher Häfen: Minenlegen bei Pillau, Winter 1870/71

Kampf zwischen dem deutschen Kanonenboot "Meteor" und dem französischen Aviso "Bouvet" vor Havanna, 9. November 1870

Blockadeabwehr deutscher Häfen: Minenlegen bei Pillau, Winter 1870/71

Deutscherseits war man der Meinung, dass nur die Einnahme von Paris und die Besetzung eines möglichst großen Teils von Frankreich den Frieden unter deutschen Bedingungen herbeiführen könnten. Die dritte Armee und die Maasarmee rückten von Sedan sofort auf Paris, wo allerdings schon 400 000 Mann versammelt waren, aber noch ein solches Chaos herrschte, dass die Deutschen am 19. September 1870 ohne Schwierigkeiten die Einschließung von Paris vollenden konnten. Mehr konnten die Deutschen jedoch vorerst nicht erreichen, da zu einer Beschießung kein schweres Geschütz zur Stelle war und der deutsche Ring um Paris mit 130 000 Mann zu schwach war, um in die Stadt einzurücken. Zudem hatte sich die Stadt rechtzeitig in wirklich großartiger Weise mit reichlich Proviant eingedeckt. Daneben sicherte energische Belagerung der Festungen im östlichen Frankreich die Verbindung mit Deutschland. Durch den Fall von Toul am 23. September 1870 wurde eine Bahnverbindung von Deutschland her gewonnen, nach der Kapitulation von Straßburg am 27. September 1870 wurde das Elsass besetzt und das neu gebildete 14. Korps unter General Werder bemächtigte sich des Saônegebiets.

Das Leibkürassier-Regiment bei Poupry, 2. Dezember 1870   Gefecht bei Vendôme, 1870

Das Leibkürassier-Regiment bei Poupry, 2. Dezember 1870

Gefecht bei Vendôme, 1870

Inzwischen hatte eine Delegation der provisorischen Regierung in Tours, deren Leitung im Oktober 1870 Léon Gambetta übernahm, die allgemeine Volksbewaffnung begonnen. Aus den so Rekrutierten und auf Kosten der Gemeinden und Departements ausgerüsteten waffenfähigen Mannschaften wurden zahlreiche neue Korps gebildet. Aus Algerien wurden alle verfügbaren Truppen herangezogen, die Kriegsflotten aus der Nord- uns Ostsee, wo sie nichts hatten ausrichten können, abberufen und die beträchtlichen Hilfsmittel der Marine, Offiziere, Mannschaften und Geschütze für den Landkrieg verwendet. Wie 1793 glaubte Gambetta durch den kleinen Krieg der "franctireurs" (Freischärler) die Feinde ermüden und durch die Masse des Volksheeres erdrücken zu können.

Erstürmung des Eisenbahndammes bei Nuits durch die Badener, 18. Dezember 1870   Die 64er bei Le Mans, 9. Januar 1871

Erstürmung des Eisenbahndammes bei Nuits durch die Badener, 18. Dezember 1870

Die 64er bei Le Mans, 9. Januar 1871

Die ersten Provinzialheere bildeten sich in Lille, Lyon und Orléans. Das letztere , die Loirearmee unter General La Motterouge, wurde am 10. Oktober 1870 von General von der Tann, dessen Abteilung aus dem 1. bayrischen Korps und der 22. preußischen Division bestand, bei Artenay geschlagen und darauf Orléans, Châteaudun und Chartres von den Deutschen besetzt. Ende Oktober 1870 wuchs die reorganisierte Loire-Armee unter Aurelle de Paladins auf 200 000 Mann an und ging zum Gegenangriff über. General von der Tann musste am 8. November 1870 Orléans räumen und nach dem Gefecht bei Coulmiers, vom 9. November 1870 bis Toury zurückweichen, wo er durch die 17. Division verstärkt wurde. Von Le Mans drangen die Franzosen gegen Chartes und Dreux vor, im Norden machte sich die von Bourbaki gebildete Armee bemerklich und die "franctireurs" machten den Deutschen immer mehr zu schaffen.

Überfall in Bolbec, 1871   Patrouillengefecht im Jura, 1870/71

Überfall in Bolbec, 1871

Patrouillengefecht im Jura, 1870/71

Der Belagerungsring um Paris, von wo wiederholt Ausfälle, so besonders am 30. Oktober 1870 bei Le Bourget, versucht wurden, wäre ernstlich gefährdet worden, wenn nicht am 27. Oktober 1870 die Kapitulation von Metz 173 000 Mann mit 6000 Offizieren in deutsche Gefangenschaft gebracht hätte. Die erste und die zweite deutsche Armee wurden so für den Krieg in der Provinz verfügbar, der nun mehr Härte geführt werden konnte. General von Manteuffel mit dem 7. und 8. Korps warf die Franzosen am 27. November 1870 bei Amiens in die nördlichen Festungen zurück und besetzte am 5. Dezember Rouen und am 9. Dezember 1870 Dieppe. General von Werder ging nach dem Fall von Schlettstadt und Neu-Breisach zum Schutz der Belagerung von Belfort bis Dijon vor und schlug alle Angriffe Garibaldis siegreich zurück. Prinz Friedrich Karl von Preußen führte das 3., 9. und 10. Korps in Eilmärschen an die Loire und erreichte die Gegend von Orléans, als grade auf Anordnung Gambettas der rechte Flügel der Loirearmee der Pariser Armee, die im Südosten nach Fontainebleau durchbrechen wollte, die Hand zu reichen versuchte. Als dieser Versuch an dem Widerstand des 10. Korps bei Beaune-la-Rolande am 28. November 1870 gescheiter war, wurde auch der Angriff des linken Flügels auf Loigny unter Chanzy von den Truppen unter dem Befehl des Großherzogs von Mecklenburg abgewiesen. Die deutschen Verbände unter Prinz Friedrich Karl von Preußen schritten am 3. Dezember 1870 ihrerseits zum Angriff auf die schon desorganisierten Loirearmee, zersprengten sie in zwei Teile und besetzten am 4. Dezember 1870 Orléans wieder. Der Ausfall der Pariser Truppen unter Ducrot misslang trotz mutigen und anfangs erfolgreichen Vordringens gegen die deutschen Stellungen auf den Höhen von Villiers am 30. November und 2. Dezember 1870. Zwei neue Vorstöße der französischen Nordarmee unter Faidherbe wurden am 23. Dezember 1870 an der Hallue und am 3. Januar 1871 bei Bapaume von Manteuffel zurückgewiesen.

Kriegsrat in Versailles, 1870   Verfolgung eines französischen Ballons durch deutsche Reiter, 1870

Kriegsrat in Versailles, 1870

Verfolgung eines französischen Ballons durch deutsche Reiter, 1870

Gambetta war dennoch nicht entmutigt und bildete aus der zersprengten Loirearmee zwei neue Armeen, unter Chanzy in La Mans und unter Bourbaki in Bourges. Im Januar 1871 versuchte die Franzosen einen allgemeinen Angriff auf die deutschen Armeen. Die Pariser Armee sollte einen großen Ausfall machen, Chanzy von Westen und Faidherbe von Norden ihr entgegenzukommen. Der entscheidende Schlag sollte im Osten ausgeführt werden, Bourbaki sollte durch einen kühnen Zug auf Belfort dieses entsetzen, General von Werders Korps zersprengen und durch rasches Vordringen in das Moselgebiet die Deutschen vor Paris und in Orléans von ihrer Verbindung mit dem Rhein und damit von ihrer Verpflegungsbasis abschneiden. Obwohl Trochu einen neuen Ausfall aus Paris für aussichtslos hielt, versuchten doch mit seiner Einwilligung am 19. Januar 1871 100 000 Mann vom Fuß des Mont Valérien aus nach Westen durchzubrechen, wurden aber vom 5. preußischen Korps unter empfindlichen Verlusten zurückgeschlagen. Am selben Tag musste Faidherbe, durch General von Goeben bei St.-Quentin geschlagen, in die nördlichen Festungen flüchten. Die Truppen unter Prinz Friedrich Karl von Preußen kamen Chanzy mit einem Angriff zuvor. Im siebentägigen Gefecht von Le Mans, vom 6. bis 12. Januar 1871 wurde dieser bis Laval zurückgeschlagen und für längere Zeit kampfunfähig gemacht. Der Vormarsch Bourbakis gegen Belfort zwang allerdings General von Werder zur Räumung von Dijon. Die deutschen Truppen unter General von Werder bezogen daraufhin eine feste Stellung westlich von Belfort an der Lisaine. Der Versuch der Franzosen, diese zu erstürmen, misslang am 15. bis 17. Januar 1871, während Manteuffel mit der neu gebildeten Südarmee (2. und 7. Korps) die Côte d'Or überschritt und sich Bourbakis Heer in den Rücken warf. Als dieses durch die Täler des Jura seinen Rückzug nach Lyon nehmen wollte, wurde es von Manteuffels Truppen am 1. Februar 1871 bei Pontarlier gezwungen, 80 000 Mann stark auf schweizerisches Gebiet überzutreten und musste sich dort von den Schweizern entwaffnen lassen. Belfort wurde am 16. Februar 1871 den Deutschen übergeben.

Ankunft der Bayern von Paris, Januar 1871   Beschießung von Paris, 1871

Ankunft der Bayern von Paris, Januar 1871

Beschießung von Paris, 1871

Da die Lebensmittel in Paris auszugehen drohten, wurden Verhandlungen aufgenommen. Am 28. Januar 1871 wurde durch eine Konvention zwischen Otto von Bismarck und Jules Favre sämtliche Forts um Paris den Deutschen übergeben und ein Waffenstillstand auf 21 Tage abgeschlossen, währenddessen eine französische Nationalversammlung zur Entscheidung über den Frieden berufen werden sollte. Als Gambetta den Waffenstillstand zur Verstärkung der Armee und die Wahlen zum Votum der weiteren Kriegsführung gegen die Deutschen ausnutzen wollte, musste er seine Entlassung nehmen. In der Tat war jeder weitere Widerstand aussichtslos, da die deutschen Truppen in einer Stärke von 900 000 Mann einen großen Teil Frankreichs besetzt hielten, die meisten Festungen im Osten und Norden erobert hatten und im Besitz wichtiger Verkehrslinien waren. Die Wahlen zur Nationalversammlung, am 8. Februar 1871, ergaben, da man allgemein von der Nutzlosigkeit weiteren Widerstands überzeugt war, eine zum Frieden entschlossene Mehrheit. Die Nationalversammlung wurde am 12. Februar 1871 in Bordeaux eröffnet, ernannte Adolphe Thiers am 17. Februar zum Chef der Exekutivgewalt und beauftragte ihn mit den Friedensverhandlungen, die am 21. - 26. Februar 1871 in Versailles geführt wurden. Die deutsche Regierung verlangte die Abtretung von Elsass-Lothringen mit Straßburg, Metz und Belfort und eine Kriegsentschädigungszahlung von 6 Milliarden Franc. Vermittlungsversuche anderer europäischer Mächte, namentlich Großbritannien, verbaten sich die deutschen Vertreter mit dem Hinweis, das man den Krieg allein ausgefochten hatte und nun auch allein den Frieden schließe.

Schließlich einigte man sich auf die Zahlung von 5 Milliarden Franc, bis zu deren Abzahlung französisches Territorium besetzt bleiben sollte und das Belfort bei Frankreich bleiben sollte. So wurde am 26. Februar 1871 der Präliminarfriede von Versailles unterzeichnet und am 1. März 1871 mit 546 gegen 107 Stimmen von der französischen Nationalversammlung genehmigt. Über den endgültigen Abschluss wurde zunächst in Brüssel verhandelt, doch als die Verschleppungstaktik der französischen Diplomaten allzu offensichtlich wurde, verlegte Bismarck den Verhandlungsort kurzerhand nach Frankfurt am Main in den Gasthof zum Schwan. Hier unterzeichnete Otto von Bismarck und Jules Favre den Frankfurter Frieden , der, abgesehen von einigen Bestimmungen über die Zahlung und die Okkupation , den Präliminarfrieden von Versailles bestätigte. Das Ergebnis des Krieges war nicht bloß die Wiedergewinnung Elsass-Lothringens und der Festung Straßburg und Metz, sondern auch die Gründung des neuen Deutschen Reiches, die schon während des Krieges am 18. Januar 1871 in Versailles vollzogen wurde.

Einzug Kaiser Wilhelm I. in Berlin, 16. Juni 1871   Erbeutete französische Fahnen auf dem Tempelhofer Feld, Juni 1871

Einzug Kaiser Wilhelm I. in Berlin, 16. Juni 1871

Erbeutete französische Fahnen auf dem Tempelhofer Feld, Juni 1871

 

Statistik des Deutsch-Französischen Krieges:

Der Krieg dauerte 190 Tage

15 größere Schlachten und weit über 100 Gefechte, fast alle für die Deutschen siegreich, wurden geschlagen

370 000 Franzosen nebst 12 000 Offizieren wurden gefangen genommen und nach Deutschland abgeführt

7400 Geschütze und 107 Fahnen wurden von den Deutschen erbeutet

702 000 Mann und 26 000 Offiziere der französischen Armee mussten sich ergeben

Die französischen Verluste beliefen sich auf 80 000 Tote und 14 Milliarden an Kriegskosten

Der deutsche Gesamtverlust betrug 6247 Offiziere und Ärzte und 123 453 Mann, darunter 40 080 Tote

Auf deutscher Seite wurden insgesamt 44 420 Offiziere und 1 451 944 Mann unter Waffen gestellt

 

 

 

 


 

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